9. Forum PPC

Die Forumsveranstaltungen richten sich an die Forumsmitglieder der Plattform Palliative Care (vgl. http://www.plattform-palliativecare.ch/ueber-uns)

Am 12. November nahmen rund 90 Forumsmitglieder an der 9. Forumsveranstaltung der Plattform Palliative Care teil. Das Thema der diesjährigen Forumsveranstaltung war die gesundheitliche Vorausplanung.

Gesundheitliche Vorausplanung
Die gesundheitliche Vorausplanung (GVP) ist ein aktiver, von allen Beteiligten gleichermassen getragener kommunikativer Prozess mit verschiedenen Ebenen der Konkretisierung. Am Anfang des Prozesses steht die Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen der Behandlung. Mithilfe konkreter Fragen können die Präferenzen, Wünsche und Wertvorstellungen sowie Ziele und Lebenswille erfasst werden. Die Themen gehen teilweise auch über den gesundheitlichen Bereich hinaus. Auf dieser Grundlage finden weitere Planungs- und Konkretisierungsschritte statt, die zu verschiedenen Zeitpunkten mit unterschiedlichem Detaillierungsgrad erfolgen können (vgl. Gesundheitliche Vorausplanung GVP).

Bedürfnisse nach Vorausplanung
Zum Einstieg in das Thema der GVP stellte Sarah Brügger von formative works eine vom BAG in Auftrag gegebene Studie vor. In dieser wurden die Bedürfnisse ausgewählter Bevölkerungsgruppen und Fachpersonen nach gesundheitlicher Vorausplanung ermittelt (vgl. Schlussbericht).

Bedürfnisse der ausgewählten Bevölkerungsgruppen
Die Ergebnisse aus der Befragung, in der 47 Personen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen einbezogen wurden, zeigen, dass das Bedürfnis nach detaillierter Vorausplanung bei diesen nicht sehr gross ist. Viele befinden sich nicht in der Situation oder Lage, um weitergehende Entscheide, beispielsweise in Bezug auf medizinische Behandlungen zu treffen. Der zentrale Grund, warum einige befragten Personen ihre Wünsche und medizinische Handlungsanweisungen schriftlich festhalten, ist die Entlastung der Angehörigen. Jene sollen wissen, dass sie einen gehen lassen dürfen. Menschen, die Schicksalsschläge erfahren haben oder eine nahe Person im Krankheitsverlauf erlebt haben, halten häufiger ihren Willen mittels einer Patientenverfügung schriftlich fest. Alleinstehende Personen mit fehlendem Sozialnetz wollen mit einer Patientenverfügung selbstbestimmt entscheiden, welche medizinische Massnahmen sie in der Situation der Urteilsunfähigkeit wollen oder auch nicht. Die Befragungsergebnisse weisen darauf hin, dass die mediale Präsenz zu Fragen und Schicksalen im Themenfeld der Behandlung und Betreuung am Lebensende grundsätzlich einen positiven Einfluss hat, damit sich Menschen mit der Vorausplanung befassen.

Bedürfnisse der Fachpersonen
Mittels Online-Erhebung hat formative works im Rahmen des Auftrags auch 1357 Fachpersonen zu ihren Bedürfnissen hinsichtlich der gesundheitlichen Vorausplanung befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass für Fachpersonen die gesundheitliche Vorausplanung grundsätzlich wichtig ist, weil sie entlastend wirkt und im Falle einer Situation der Urteilsunfähigkeit Orientierung gibt. Wichtig ist vielen Fachpersonen insbesondere, dass im Minimum eine vertretungsberechtigte Person bekannt ist, diese über ihre Rolle Bescheid weiss und die Wünsche und Bedürfnisse der urteilsunfähigen Person kennt. Die Autonomie ist insbesondere bei schwerkranken und sterbenden Menschen in der Regel relational, d.h. diese Menschen können auf die Unterstützung ihrer Angehörigen zurückgreifen.

Als Instrument für die Sensibilisierung erachten die befragten Fachpersonen Patientenverfügungen als sinnvoll (beispielsweise um ein Gespräch über die Wünsche und Bedürfnisse zu starten). Ob der so genannte «Patientenwille» mittels Patientenverfügung schriftlich festgehalten wird oder nicht, spielt für Fachpersonen weniger eine Rolle. Es gibt sogar bei den befragten Fachpersonen verbreitet Vorbehalte, ob die Inhalte, die jemand in einer Patientenverfügung festlegt, wirklich auch den mutmasslichen Willen dieser Person abbildet. Oft würden Optionen vorgeschlagen, die unscharf oder widersprüchlich seien; die Anordnungen seien häufig so formuliert, dass sie nicht umsetzbar sind.

Gute Lebensqualität bis an Lebensende dank Vorausplanung? – ein Podiumsgespräch
Anschliessend wurde die Frage «Gute Lebensqualität bis ans Lebensende dank Vorausplanung?» von sechs Expertinnen und Experten aus den Bereichen Palliative Care, Sozialarbeit, Pflege und Ethik in einer Podiumsdiskussion erörtert.

Gesundheitliche Vorausplanung: Stand der Arbeiten und Workshops
Danach informierte das BAG zusammen mit der SAMW über den Stand der Arbeiten der ständigen Arbeitsgruppe GVP (AG GVP). Die AG GVP  steuert den nationalen Prozess für die Umsetzung der GVP inhaltlich (vgl. Konzept Umsetzung GVP). Sie besteht aus Fachexpertinnen und -experten aus Medizin, Pflege, Palliative Care, Soziale Arbeit, Recht und Ethik. Vertreten sind auch Entscheidungsträgerinnen und -träger der nationalen Fach- und Leistungserbringerverbände sowie Patienten- und Betroffenenorganisationen, die Beratungen zum Thema anbieten.

Die Arbeiten wurden Anfang Mai 2021 aufgenommen. Erstes Ziel der AG GVP ist es, einen nationalen Konsens darüber zu erarbeiten, welche Form von gesundheitlicher Vorausplanung notwendig ist, um die Selbstbestimmung in Krankheitssituationen und am Lebensende zu gewährleisten. Aktuell ist sie daran, ein entsprechendes Modell GVP für die Umsetzung zu entwickeln. Eine breite Vernehmlassung dieses Modells ist für diesen Frühling geplant. In den anschliessend stattfindenden Workshops konnten sich die Forumsmitglieder zu einem ersten Entwurf dieses Modells äussern.

Palliative Care und Gesundheitliche Vorausplanung: Quo vadis?
Zum Abschluss erläuterte Prof. Steffen Eychmüller vom Universitären Zentrum Palliative Care des Inselspitals Bern, wie es aus seiner Sicht um die Vorausplanung in der Palliative Care steht.

Insgesamt sollte dem Lebensende in der Gesellschaft mehr Raum gegeben werden. Es sei grundlegend wichtig, den Wert der Zeit für Gespräche für die Vorausplanung zu erhöhen und schliesslich auch die professionelle Arbeit dafür besser zu vergüten. Der Prozess der GVP sei ein Gemeinschaftsprojekt, das gemeinsam begonnen und immer wieder auf Augenhöhe mit allen Beteiligten weitergeführt werden könne.